Veränderungen des Archivrechts unter den Herausforderungen der digitalen Langzeitarchivierung

Ein Beitrag aus der Reihe “Die besten Abschlussarbeiten im Sommersemester 2014″ . Die Autorin Dr. Dagmar Hemmie möchte ihre Arbeit gerne im Volltext zur Verfügung stellen, gegebenenfalls auf dem Publikationsserver der Fachhochschule Potsdam.

[Zur Person]

Dagmar Hemmie, geb. 1969 in Hamburg. Nach einer Ausbildung zur Diplom-Bibliothekarin (WB) an der FHBD Köln folgte ein Promotionsstudium in Mittlerer und Neuerer Geschichte an den Universitäten Kiel und Odense (Dänemark) mit Lehrtätigkeiten an der Universität Hamburg und Honorartätigkeiten in verschiedenen Archivsparten (Stadtteilarchiv, Kirchenarchiv, Kommunales Archiv). Zuletzt mehrjährige Tätigkeit als wissenschaftliche DFG-Mitarbeiterin des Archivs der Hansestadt Lübeck. Seit Oktober 2014 Kreisarchivarin des Kreisarchivs Ennepe-Ruhr-Kreis.

Während meiner Tätigkeit im Lübecker Archiv ist mir bewusst geworden, dass ich meine umfassenden Praxiserfahrungen als Quereinsteigerin im Archivwesen unbedingt auch theoretisch unterfüttern und einen berufsbegleitend qualifizierenden Abschluss machen musste, um die täglich ausgeführten Arbeitsprozesse richtig einordnen und verstehen und mir evtl. zukünftige Aufstiegschancen im Archivbereich offenhalten zu können. Das Potsdamer Fernstudium (2. Master-Kurs 2011-2014) hat mir hierfür hervorragende Möglichkeiten eröffnet, die ich rückblickend nicht missen möchte.

Kontakt: DagmarHemmie@web.deC Bew 2 sw

[Zur Masterarbeit – Themenfindung]

Alles was Recht ist? Schon als Archivbenutzerin während meines Studiums habe ich mich vielfach über die sehr unterschiedliche „Willkommens“- bzw. „Abschreckungskultur“ in den skandinavischen und deutschen Archiven – letztere mit teilweise sehr restriktiven Verboten (Fotoverbot, Kopierverbot, Sperrfristen) gewundert und bisweilen geärgert. Viele im Archiv Tätige – so mein Eindruck von Tagungen und Diskussionen im KollegInnenkreis – schließen aus Verunsicherung oder auch aus mangelnder Rechtskenntnis lieber Nutzungsmöglichkeiten – gerade auch im digitalen Bereich aus – als sich gegebenenfalls eines Rechtsverstoßes schuldig zu machen. In Zeiten des schnellen Internets und der Informationsfreiheitsgesetzgebung ist diese Haltung insbesondere gegenüber den unter Zeitdruck überregional Forschenden nicht vermittelbar. Ein sehr anregendes und interessantes Modul bei Herrn Dr. Michael Scholz hat mich dazu animiert, das Thema Archivrecht intensiver zu verfolgen. Die hierzu entstandene Masterarbeit, deren Betreuung als Erstprüferin Frau Prof. Schwarz übernommen hat, wird zukünftig über den Dokumentenserver der FH Potsdam zugänglich sein. Weitere Veröffentlichungen stehen noch nicht fest.

[Zur Masterarbeit – Inhalt]

Inwiefern kann das bestehende Archivrecht im Zeitalter der Digitalisierung noch als praktikables Handwerkszeug gelten? Wird es den Herausforderungen der Digitalisierung gerecht oder ist nicht vielmehr eine grundlegende Neukonzeption bzw. „Archivrechtsrevolution 2.0“ notwendig?

Dieser Leitfrage geht die Masterarbeit unter vergleichender Betrachtung der deutschen Archivgesetze des Bundes und der Länder nach. Abgerundet wird die Untersuchung durch einen Exkurs auf die archivrechtliche Situation in Dänemark und Schweden.

Im Rahmen der Untersuchung wurde deutlich, dass es die Archivgesetze der ersten Gesetzgebungswelle der 1990er Jahre verstanden haben, ihrer Zielsetzung entsprechend einen angemessenen Ausgleich zwischen den Polen Datenschutz und Datennutz zu erreichen. Insbesondere die immer noch sehr unterschiedlichen Sperrfristen geraten jedoch im Zuge der Informationsfreiheitsgesetzgebung zunehmend unter Druck.

Hinsichtlich des im digitalen Zeitalter überholten Unterlagenbegriffs und der Einbeziehung laufend aktualisierter Datenbanksysteme haben die jüngsten Archivgesetznovellen praktikable Vorschläge unterbreitet. Zu diskutieren bleibt die rechtliche Fixierung einer verstärkten Vorfeldarbeit der Einführung und Anpassung von IT-Systemen sowie der Etablierung digitaler Standards.

Hinsichtlich der Bewahrung und Sicherung digitaler Informationen ist auf eine rechtliche Anerkennung der Archive als „trusted custodians“ hinzuwirken sowie die Ermöglichung von Verbundlösungen zur digitalen Langzeitarchivierung bzw. der Auftragsspeicherung digitaler Daten.

Für die Zukunft sind vielfältige, auch neue oder noch unbekannte Nutzungsformen digitaler Daten denkbar, die es unter datenschutzrechtlichen und insbesondere urheberrechtlichen Aspekten zu diskutieren und ggf. archivgesetzlich zu flankieren gilt. Wir Archivare sind gefordert, diesen Prozess aufgeschlossen zu begleiten und ggf. im Einzelfall eine Abwägung zwischen Nutzungsgewährung und möglichen Regressansprüchen zu treffen.

„Die Zukunft der Archive wird davon abhängen, ob es ihnen gelingt, die Glaubwürdigkeit der archivischen Überlieferung zu bewahren, indem sie die Authentizität und Integrität gerade der originär digitalen Informationen garantieren.“ (Klaus Eiler 2013)

[Weiterführende Literatur]

Alles was Recht ist. Archivische Fragen – juristische Antworten. 81. Deutscher Archivtag 2011 in Bremen. Unter Mitarbeit von Heiner Schmitt. Fulda, 2012 (= Tagungsdokumentation zum Deutschen Archivtag, 16)

ARK-Empfehlungen – Empfehlungen der ARK-Arbeitsgruppe „Archive und Recht“ zu Regelungen für die Archivierung elektronischer Unterlagen in Rechts- und Verwaltungsvorschriften (2004).

ARK-Gutachten – Bereitstellung elektronischer Findmittel in öffentlich zugänglichen Netzen. Hg. von der Archivreferentenkonferenz. Zur Vorlage bei der DFG (Anlage zum Projektantrag ‚Retrokonversion von Findmitteln‘) 2007

Polley, Rainer (Hg.): Anbietung von Unterlagen öffentlicher Stellen an die Archive. Rechtslagen, Probleme, Lösungswege. Beiträge zu einem Workshop am 27. November 2008 an der Archivschule Marburg. Herrn Dr. Herbert Günther zum 65. Geburtstag. Marburg, 2011 (= Veröffentlichungen der Archivschule Marburg, 50)

Rehm, Clemens; Bickhoff, Nicole (Hg.): Rechtsfragen der Nutzung von Archivgut. Vorträge der Frühjahrstagung der Fachgruppe 1 – staatliche Archive – im VdA. Stuttgart: Kohlhammer, 2010

4 Gedanken zu „Veränderungen des Archivrechts unter den Herausforderungen der digitalen Langzeitarchivierung

  1. Patrick Frischmuth

    Finde ich sehr gut, dass die Autorin ihre Arbeit in Volltext zur Verfügung stellen möchte. Falls das Nicht (oder nicht in naher Zukunft) in Volltext zur Verfügung gestellt wird, kann man die Arbeit auch in der Bibliothek der FHP einsehen?

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  2. Julia Sammler

    Hallo Patrick,
    die Arbeit kann zu einem späteren Zeitpunkt definitiv auch in der Bibliothek eingesehen werden. Dort werden alle Arbeiten bereitgestellt, die mit 2,0 und besser bewertet wurden. Wann dies der Fall sein wird kann ich dir allerdings nicht sagen. Du hast unabhängig davon auch die Möglichkeit, Frau Hemmie zu kontaktieren. Die E-Mail-Adresse hast du ja :-).

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  3. Dagmar Hemmie

    Moin auch!
    Tut mir leid, dass ich noch nicht dazu gekommen bin, die Arbeit auf dem Publikationsserver der FH bereitzustellen, habe momentan sehr viel zu tun. Bei Bedarf kann ich jedoch auf die Schnelle ein pdf per email schicken. BItte kurz Laut geben! Ich helfe auch bei inhaltlichen Nachfragen gerne weiter.
    Ansonsten dürfte Frau Prof. Schwarz die Arbeit digital auf Ihrem Rechner haben. Vielleicht ist sie ja ebenfalls bereit, schnell auszuhelfen.
    Beste Grüße für den Augenblick,
    Dagmar

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  4. Neeltje Forkenbrock

    Ich denke ebenfalls, dass die Ermöglichung von Verbundlösungen zur digitalen Langzeitarchivierung in Zukunft notwendig sein wird. Gerade heutzutage gerät das Gleichgewicht von Datenschutz und Nutzung zunehmend in eine Schieflage finde ich. Ich denke, man sollte sich Gedanken darüber machen, wie man die Datennutzung auch im digitalen Zeitalter weiterhin praktikabel machen kann.

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