„Liebe Historikerinnen und Historiker, mischen Sie sich ein!“

Der digitale Wandel ist bereits in vollem Gange. Er umfasst unsere gesamte Lebenswelt, ob im privaten, beruflichen oder gesellschaftlichen Kontext. Einersets entstehen in unserer heutigen Zeit heterogene Quellen in einem rasanten Tempo. Auf der anderen Seite sind diese oftmals flüchtig und lassen die Befürchtung zu, unser Zeitalter könnte kommenden Generationen nur noch als „digital dark age“ bekannt sein. Dieses Szenario zu verhindern liegt in hohem Maße in der Verantwortung unserer Gedächtnisinstitutionen.

Aber nicht nur die Zeugnisse unserer Gegenwart, sondern auch die Ereignisse und die Überlieferung der Vergangenheit stellten und stellen Archivarinnen und Archivare vor vielfachen Herausforderungen. So regte der Berliner Landesverband des VdA in diesem Jahr mit der Leitfrage „Immer zu spät? Umbrüche im Archiv oder wie überliefert man Revolutionen?“ zum Nachdenken an. Mit etwas Verspätung, aber hoffentlich nicht „zu spät“ geben wir noch einen Rückblick auf die Veranstaltung und die durchaus spannenden Diskussionen. Gleichzeitig nurzen wir die Gelegenheit, Ihnen einen unserer neuen Dozenten vorzustellen.

Nicht zuletzt gab das Ende der deutschen Teilung vor genau 30 Jahren den Anlass zum Tagungsthema und auch zum Veranstaltungsort: der ehemaligen Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg. Ein buntes Programm spannte dabei beim inzwischen 3. Berliner Archivtag (s.a. Beitrag zum 1. Berliner Archivtag) einen vielseitigen thematischen Bogen. Angefangen mit einem Vortrag zu „Umbrüche[n] im Bewegtbild“, welcher „Filme aus der Zeit der Weimarer Republik“ im Fokus hatte, über den Umgang mit Zeugnissen der friedlichen Revolution bis hin zur Vorstellung ausgewählter Projekte wie der BerlinHistoryApp, haben die Tagungsbesucherinnen und -besucher viele Einblicke erhalten (s.a. Blogeintrag zur Tagung des Landesverbandes Berlin).

Zu einer stärkeren Berücksichtigung der Wünsche von Archivbenutzerinenn und -benutzer rief Dr. Mareike König in Ihrem Eröffnungsvortrag auf. Dabei ging Sie den Schritt auf eine der zentralen Zielgruppen der Archive zu – den Historikern – und fragte diese im Vorfeld der Tagung über Twitter nach ihren ganz konreten Wünschen und Vorstellungen. Im Ergebnis wurden nicht nur „digitale Bedarfe“, sondern vielfach auch rein „praktische“ Dinge wie längere Öffnungszeiten gefordert (hier geht es zu den relevanten Tweets).

Dr. Mareike König vom Deutschen Historischen Institut in Paris hielt in diesem Jahr den Eröffnungsvortrag mit dem Titel „Geschichtsforschung und Archive im digitalen Zeitalter: Chancen, Risiken und Nebenwirkungen“ – Foto: Iva Jobs

Dr. Kai Naumann während seines Impulsvortrags auf dem 3. Berliner Archivtag – Foto: Iva Jobs

Unter den Vortragenden war in diesem Jahr auch Dr. Kai Naumann (Landesarchiv Baden-Württemberg). Herr Naumann ist seit 2018 in der Abteilung Archivischer Grundsatz im Landesarchiv Baden-Württember mit den Aufgaben Nutzung und digitale Überlieferungsbildung betraut. Zudem ist er seit 2006 am Staatsarchiv Ludwigsburg tätig und dort seit 2009 für das Sachgebiet Digitale Unterlagen zuständig. Seine Arbeitsschwerpunkte und Interessen liegen in der „Überlieferungsbildung und Nutzung im Übergang in die digitale Welt“ sowie in der „Aus- und Fortbildung des Nachwuchses in technischer Hinsicht“ (vgl. Kurzbiografie und Publikationen). Umso mehr freut sich die FH Potsdam mit ihm einen neuen Dozenten für das Modul „Datenbankarchvierung“ gefunden zu haben. Im Januar 2020 wird er erstmals vor den Teilnehmenden des 7. gradualen Fernweiterbildungskurs Archiv stehen. Als Gastdozent an der Archivschule sowie als Gastreferent und Mitbetreuer von Abschlussarbeiten an der Akademie der bildenden Künste Stuttgart, Archivschule Marburg, HdM Stuttgart, FH Potsdam und der PH Ludwigsburg, blickt er auch auf ein breites Erfahrungsspektrum im Bereich der Lehre.

Infostand der FH Potsdam auf dem 3. Berliner Archivtag – Foto: Iva Jobs

Neben den Vorträgen hatten die Besucherinnen und Besucher auch Gelegnheit sich an den Messeständen bekannter Archiv- und Digitalisierungsdienstleister, Softwareentwickler und Archivbedarfhersteller/-händler zu informieren. Auch die FH Potsdam durfte auf der Archivmesse nicht fehlen und präsentierte sich mit einem eigenen Infostand.

Podiumsdikussion: Quod non est in actis…? Umbrüche im digitalen Zeitalter, v.l.n.r. Dr. Mareike König (Deutsches Historisches Institut, Paris), Peter Ullrich (TU Berlin), Moderation: Dr. Matthias Buchholz (Bundesstiftung Aufarbeitung), Dr. Kai Naumann (Landesarchiv Baden-Württemberg), Dr. Kathrin Weller (gesis Leibnitz Institut für Sozialwissenschaften, Köln) – Foto: Iva Jobs

Die Abschlussdiskussion rundete die vorhergegangenen Vorträge ab und ging u.a. noch einmal auf die Rolle der Archivbenutzerinnen und -benutzer ein. Dabei rief Kai Naumann zur aktiven Teilnahme auf: „Liebe Historikerinnen und Historiker, mischen Sie sich ein!“ lautete sein Appell. Matthias Buchholz wies in der Diskussion ebenfalls auf die Notwendigkeit hin, Forschung und Archive gemeinsam zu denken und dabei nicht nur das eigene Archiv zu betrachten, sondern den Blick zu erweitern. Insbesondere hinsichtlich der Finanzierungsmöglichkeiten erscheint es sinnvoll für Archive einen Blick über den berühmten Tellerrand hinaus zu wagen. Kai Naumann verwies dabei u.a. auf die Nationale Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) und sprach seine Empfehlung zur Lektüre von Trevor Owens‘ „The Theory and Craft of Digital Preservation“ aus. Owens zeige auf, dass man nicht dem großen Kapital und der großen Macht hilflos ausgeliefert sei, sondern vielerlei Möglichkeiten habe die digitale Überlieferung sicherzustellen. Auch Maike König riet in diesem Zusammenhang den Archiven zu einer deutlichen Positionierung, um Förderungen zu erhalten: „Get involved!“.

Unser Fazit zur Tagung: Spannende Beiträge und Diskussionen. Das Berufsbild der Archivarinnen und Archivare befindet sich in einem unaufhaltsamen Wandel. Den (digitalen) Entwicklungen und Anforderungen muss bereits während der Ausbildung adäquat begegnet werden. Der Begriff „Lebenslanges Lernen“ und eine stärkere interdisziplinäre Vernetzung (zwischen Archiv, Geisteswissenschaften und IT) darf und muss in der Archivlandschaft (noch stärker) gelebt werden. Nur so können wir sicherstellen nicht „immer zu spät“ zu sein.

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