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„Berufserfahrungen untermauern und neuen Herausforderungen begegnen“ – Ein Beitrag aus der Reihe „Wege ins Archiv(wesen)“

von Dr. Margrit Prussat

Meine ersten Berufserfahrungen im Archivwesen habe ich im Archiv des Deutschen Museums in München gesammelt. Die Geschichte von Naturwissenschaften und Technik war für mich bis dahin eher Neuland und ich war begeistert von den vielfältigen Quellen und den Möglichkeiten ihrer Aufbereitung. Seither habe ich die Archive an Universitäten und anderen wissenschaftlichen Einrichtungen als äußerst interessantes Arbeitsfeld kennengelernt. Sie bieten ein hohes Potential an Entwicklungsmöglichkeiten und nicht selten auch die Freiheit, eigene Ideen umzusetzen. Trotzdem müssen natürlich auch alle archivischen Kernaufgaben fachgerecht erledigt werden.

Das Studium der Archivwissenschaften an der FH Potsdam war für mich daher der ideale Weg, um nach 14 Jahren Berufstätigkeit in zwei wissenschaftlichen Archiven die in der Praxis erworbenen Kenntnisse zu konsolidieren und fundierte Fachkenntnisse in jenen Bereichen anzueignen, mit denen ich bisher nicht in Berührung gekommen war. Schließlich ebnete mir dieses zweite Studium der Archivwissenschaften den Weg zu meiner heutigen Stelle als Leiterin des Universitätsarchivs Bamberg.

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Archivleiterin Dr. Margrit Prussat – Alle Bilder: Universitätsarchiv Bamberg

Den Einstieg ins Archivwesen fand ich durch einen thematischen Schwerpunkt, der sich wie ein roter Faden durch mein Erststudium der Ethnologie, Germanistik und Sozialpsychologie an den Universitäten Göttingen und München zog: die Beschäftigung mit visuellen Medien, vor allem mit der Fotografie. Meine Magisterarbeit bestand in einer empirischen Analyse der Reise-Diavortragsszene Mitte der 1990er Jahre in Deutschland. Nachfolgend konzentrierte ich mich stärker auf historische Fotografien. Nach dem Studienabschluss arbeitete ich zunächst in einer universalen Bildagentur bevor ich dann 1997 ins Deutsche Museum wechselte und hier vor allem in den Bereichen Bildarchiv/Bildstelle und Erschließung von Nachlässen tätig war. Zusätzlich habe ich viele Einblicke in die Arbeitsgebiete meiner Kolleginnen und Kollegen gewinnen können. Die Digitalisierung der Archive setzte zu jener Zeit verstärkt ein, was ich äußerst interessant fand.

Auch als Archivnutzerin gewann ich vielfältige Einblicke von dieser „Übergangszeit“ zum digitalen Archiv. In meiner Dissertation beschäftigte ich mich mit der Geschichte der Fotografie im Brasilien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Den Bildfundus  trug ich damals noch auf vielen Archivreisen in Deutschland und Brasilien zusammen – heute sind viele der Fotografien bereits online recherchierbar. Die Archivreisen möchte ich dennoch nicht missen, denn sie haben mir ganz andere Einsichten in die internationale Archivsparte gewährt als es durch die online Recherche möglich gewesen wäre.

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Digitalisierung von VHS-Kassetten

Die folgende berufliche Station erlaubte mir eine ideale Verbindung der Ethnologie mit den praktischen Kenntnissen im Archivwesen, ergänzt durch Fortbildungen an der Archivschule Marburg. Ab 2008 war ich wissenschaftliche Mitarbeiterin im Digitalisierungsprojekt DEVA der Universität Bayreuth. In einem kleinen Team waren wir mit dem Aufbau eines physischen und digitalen Archivs für die Afrikawissenschaften der Universität Bayreuth beschäftigt und an diversen Kooperationsprojekten auch mit Partnerinstitutionen in Afrika beteiligt. Während dieser Berufstätigkeit an der Universität Bayreuth begann ich mit dem Masterstudium der Archivwissenschaften in Potsdam.

Als ich danach die Leitungsstelle des Universitätsarchivs Bamberg übernahm, waren vor allem jene Inhalte des archivwissenschaftlichen Studiums wichtig, die sich mit Archivmanagement, Archiventwicklungsplanung und diversen Bereichen der digitalen Archivierung  befassen. Im Aufbau der digitalen Archivierung und der Digitalisierung liegen momentan die Arbeitsschwerpunkte des Uni-Archivs Bamberg.

Repro-Arbeitsplatz des Universitätsarchivs

Universitätsarchive sind, zumindest in personeller Hinsicht, oft eher kleine Einrichtungen. Das gesamte Spektrum der archivischen Kernaufgaben und der weiteren Aufgaben und Projekttätigkeiten liegt daher nicht selten in Händen weniger Personen. Deswegen sind gute Kenntnisse in allen Kernbereichen des Archivwesens unerlässlich, neben einer fachlichen Spezialisierung in einigen wenigen Bereichen. Eine gute Vernetzung mit den Kolleginnen und Kollegen in der Archivwelt sorgt darüber hinaus dafür, bei besonderen Problemlagen kompetente Ansprechpersonen mit jeweils eigenen inhaltlichen Schwerpunkten zu finden. Beide Aspekte, das Fachwissen und die Netzwerkbildung, sind für mich die wichtigsten Resultate des Studiums der Archivwissenschaften. Die dreijährige Studienzeit war zwar, vor allem neben einer Vollzeitstelle, nicht immer ein reines Zuckerschlecken. Aber es hat sich gelohnt! Und ich bin sicher dass auch die Arbeitgeber/Archiveinrichtungen, vor allem durch den engen Praxisbezug, von dem berufsbegleitenden Studiums ihres Personals profitieren.

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