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HOMO SAPIENS DIGITALIS VS. HOMO SAPIENS
ARCHIVARIUS?

Ein persönlicher Rückblick auf die Tagung „offene Archive 2.2 – Social Media im deutschen Sprachraum und im Internationalen Kontext“ am 3. und 4. Dezember 2015 in Siegen von Julia Sammler

„Den Digital Natives ist der Sieg sicher!“, lautete die frohe Kunde von Marcus Stumpf, der stellvertretend für die BKK (Bundeskonferenz der Kommunalarchive beim Deutschen Städtetag) die Gäste der Tagung „Offene Archive 2.2“ am 3. Dezember 2015 im Siegener „Kulturhaus LYZ“ begrüßte. Die Organisatorinnen und Organisatoren der bereits zum 3. Mal stattfindenden Veranstaltung hatten sich im Vorfeld (inoffiziell) das Ziel gesetzt, sich „neben dem „Jetzt“ auch mit dem „Morgen“, also der Zukunft von Social Media und Web 2.0 im Archivwesen auseinander[zu]setzen“. Und das ist ihnen auch gelungen! Präsentationen aus dem „bibliothekarischen Heute“ von Hans-Christoph Hobohm und Almut Breitenbach, ein Workshop zu Web 2.0-tauglicher Erschließungssoftware und „artfremde“ Beiträge vom Social Media-Experten Frank Tentler und der „histocamp“- Organisatorin Karoline Döring machten einen Ausblick in die archivische (Social Media-) Zukunft möglich. Erfahrungsberichte aus dem Landesarchiv Baden-Württemberg und dem Schweizerischen Bundesarchiv zeigten, wo deutschsprachige Archive im digitalen Raum heute schon verortet werden können.

„Bei 25 Vorträgen aus 7 Ländern an zwei Tagen fällt es allerdings nicht leicht, einen roten Faden zu finden“. Mit Mario Glauerts Schlussworten aus der Vorjahrestagung im Gedächtnis, ist es den OrganisatorInnen gelungen, die traditionelle Struktur mit Workshops und einer Podiumsdiskussion zu „Social Media in der archivischen Aus-, Fort- und Weiterbildung“ aufzubrechen.

"Beruhigend ernüchternd": Eine niedrige Follower-Zahl bei archivischen Facebook-Seiten ist nicht zwangsläufig ein Grund zur Trauer. Bei Jan Graefes Workshop wurden unter anderem (kostenfreie) Monitoring-Tools vorgestellt.

„Beruhigend ernüchternd“: Eine niedrige Follower-Zahl bei archivischen Facebook-Auftritten ist nicht zwangsläufig ein Grund zur Trauer. Bei Jan Graefes Workshop wurden unter anderem (kostenfreie) Monitoring-Tools vorgestellt.

Das Organisationsteam wurde zu Recht von Marcus Stumpf in seiner Eröffnungsrede als „Herzschrittmacher der deutschen Archive im Web 2.0“ bezeichnet – denn: Auf die Sprünge geholfen werden muss dem deutschen Archivwesen nach wie vor. „Heute sind Sie sich da alle einig“, lautete die unschuldige Annahme von Siegen-Wittgensteins amtierenden Landrat Andreas Müller als er sich bei seinen Grußworten rund 80 Web 2.0-affinen Tagungsteilnehmerinnen und –teilnehmern, die überwiegend aus Archiven kamen, gegenüber sah.

Positive Beispiele aus der Fachcommunity, wie die BKK-Handreichung zum Umgang mit Social Media oder die Freischaltung des VdA-Blogs im vergangenen Herbst, zeigen, dass sich auch die großen Instanzen der deutschen Archivwelt diesem inzwischen zum Mainstream gewordenen Thema nicht mehr gänzlich verschließen. Jedoch geht es bei der Frage nach offenen Archiven um weitaus mehr als den bloßen Einsatz neuer Werkzeuge. Denn auch diese werden früher oder später abgelöst, wie Karsten Kühnel seinen Workshop zu Web 2.0-tauglicher Erschließungssoftware reflektiert: „Im Zeitalter des Multi channeling, des user involvement und des Semantic Web dürfe man nicht meinen, es könne einen technischen Entwicklungsstand geben, der nicht bald erneut überholt sein würde.“

Es ist vielmehr eine Frage unserer Mentalität und (Archiv-)Tradition, die deutsche Archive seit jeher von Archiven anderer Länder, vor allem denen im angelsächsischen Raum, unterscheidet. Dies ist in erster Linie am „archivischen Selbstverständnis“ festzumachen. Während sich in Deutschland Archive vor allem als Herrschaftsüberlieferer und Dienstleister der nächst höheren Behörde begreifen, steht beispielsweise in den USA der Nutzer im Zentrum archivischen Handelns, wie unter anderem in der Vorjahres-Keynote von Kate Theimer deutlich wurde. Ein unterschiedliches archivisches Selbstverständnis führt schließlich zu unterschiedlichen Erschließungstraditionen und –methoden und somit auch dazu, dass archivfachlichen Begriffen, je nach Nationalität, eine völlig unterschiedliche Bedeutung zukommen kann. Mit der ICA-Datenbank zur multilingualen Archiv-Terminologie wird versucht, den verschiedenen Traditionen Rechnung zu tragen, jedoch orientiert sich die Sammlung „am Weltbild der Langzeitarchivierung, der Digital Preservation, aus archiv-akademischer Sicht“, wodurch der allgemeine Nutzen eingeschränkt ist.

Hans-Christoph Hobohm: Ein persönlicher Rückblick darüber, wie Bibliotheken ins Web 2.0 gekommen sind.

Hans-Christoph Hobohm: Ein persönlicher Rückblick zum „Sprung“ der Bibliotheken ins Web 2.0.

Deutsche Bibliotheken als „artverwandte“ Einrichtungen haben den Sprung ins Web 2.0 inzwischen geschafft, wie Hans-Christoph Hobohm in seiner Keynote berichtete. Jedoch hat dieser Meilenstein erstaunlich lange auf sich warten lassen, wenn man bedenkt, dass Bibliotheken grundsätzlich nutzerzentrierte Institutionen sind. Der Grundstein wurde 1994 mit der InetBib-Mailingliste und einer „analogen Twitter-Wall“ (ausgedruckte E-Mails an einer Metaplanwand auf einer Tagung) gelegt, wie Hobohm schmunzelnd die Anfänge der digitalen Vernetzung im deutschen Bibliothekswesen resümiert. 2006 wurde im Zuge von Laura Cohens „A librarian’s 2.0 Manifesto“ erkannt, dass BibliotheksnutzerInnen „Satisfaction“ wollen und Bibliotheken ihre Kultur als Ganzes ändern müssen: Die Geburtsstunde des Begriffes „Bibliothek 2.0“.

„Das Digitale geht nicht ohne analoge Beziehungen“, reflektiert Hobohm die Einführung des „BibCamps“ 2008, der ersten Unkonferenz (Begriffsdefinition vgl. Matti Stöhr und Karsten Schuldt, 2011) im deutschen Raum. Unkonferenzen oder BarCamps sind deshalb erwähnenswert weil sie als Gegenentwurf zu konventionellen Tagungen keine festen Themen und ReferentInnen vorgeben und somit keine Distanz zwischen Publikum und Vortragenden entstehen soll. Kurzum: Sie sind als Raum für neue Ideen oder frische Impulse gedacht; hier kann sich jede/r unabhängig von bereits vorhandener oder noch nicht vorhandener Fachreputation einbringen und findet Gehör. Über das erste deutsche BarCamp „für alle, die an und mit Geschichte arbeiten“, dem #histocamp, wurde ferner am zweiten Tagungstag von Mitinitiatorin Karoline Döring referiert.

Neun Jahre nach Veröffentlichung des bibliothekarischen Web 2.0-Manifests und sieben Jahre nach dem ersten „BibCamp“ wurde die Bedeutung sozialer Medien für Bibliotheken in Deutschland erkannt und 2015 mit Guidelines (#socialbib) in die Verbandspraxis übernommen. Aktuelle Trends sind auch hier in den USA durch „Empathie“ für die NutzerInnen entstanden. Dort fungieren BibliothekarInnen unter anderem als Chief Information Officers, die Informationskompetenz vermitteln, beispielsweise durch Schulungen für Literaturverwaltungsprogramme. So genannte „Maker Spaces“, für die im Internet momentan noch nicht einmal eine deutschsprachige Definition zu finden ist (und unter denen ich die Bereitstellung eines 3-D-Druckers in der Bibliothek verstehe), zählen ebenfalls zu den Trends aus den USA, die langsam auch deutsche Bibliotheken erreichen.

Almut Breitenbach, die in Ihrer Keynote „Social Media und altes Buch“ auf das große Potential hinwies, welches in der Bereitstellung historischer Altbestände über das Web 2.0 liegt, ließ mit Ihrem Hinweis auf so genannte „Blog-To-Print-Magazine“ ArchivarInnenherzen höher schlagen. So hatte Marcus Stumpf in seinen Grußworten zur Tagung darauf hingewiesen, dass sich das LWL-Archivamt mit der Veröffentlichung seiner Zeitschrift „Archivpflege in Westfalen-Lippe“ und dem gleichzeitigen Betreiben des „Archivamt“-Blogs bewusst für die Redundanz entschied, da (noch) nicht alle Archivarinnen und Archivare Blogs lesen würden.

Dass sich Archive von dem Gedanken lösen müssen, nur Überlieferer von Herrschaftsgeschichte zu sein, zeigt sich inzwischen nicht nur regelmäßig auf den BKK-Fortbildungsseminaren, sondern wurde auch im Beitrag von Elisabeth Steiger deutlich, die das „Community as Opportunity“- Projekt (kurz: CO:OP) vorstellte, in welchem Ergänzungen zu den klassischen archivischen Bestände angeregt werden und die Geschichte der „kleinen Leute“ dokumentiert werden soll.

Nach Andreas Neuburgers Resümee zu den Pilot-Projekten des Landesarchivs Baden-Württemberg und Jan Graefes Workshop zu „Monitoring“, stellte sich durch die bestätigte Vermutung, dass Archive gar keine große „Crowd“, sondern nur die richtige benötigen und eine Kennzahl im Kontext von Kultur und Bildung nicht mit einer Kennzahl im kommerziellen Bereich gleichgesetzt werden kann, eine angenehme Ernüchterung ein und der Druck, sich als ArchivarIn auch noch eine Übersicht in der unübersichtlichen Social Media-Welt machen zu müssen, war weg.

homo sapiens digitalis

Frank Tentler stellte den TagungsteilnehmerInnen den „Homo sapiens digitalis“ vor. Wie könnte ein „Homo sapiens archivaris“ aussehen?
Bildquelle: https://blog.telefonica.de/2014/06/homo-sapiens-digitalis/

„Offene Archive 2.2“ schloss für mich am zweiten Tag mit Frank Tentlers (#TENTLER) Keynote-Vortrag „Smartplaces“, in dem er die deutsche Archivwelt zu etwas Provokativem aufforderte: „Überspringt die kommenden 2 Jahre, in denen ihr euch mit Social Media anfreunden wollt und springt mit eurem tollen Content und einem 3-Jahres-Masterplan in das interaktive Location Based Services-Zeitalter. Geht dahin, wo die Menschen euch brauchen“ (Vgl. Frank Tentler auf Facebook am 4. Dezember 2015).

Diese betriebswirtschaftliche Betrachtung mag nicht nach dem Geschmack der meisten Gemüter sein, jedoch machte Tentler in seinem Vortrag deutlich, dass der Homo sapiens digitalis allgegenwärtig und letztlich der Archivnutzer von heute ist, auf den es sich einzustellen gilt.

Die digitale Disruption, also eine Innovation, die sich zunächst am unteren Ende des Marktes befindet und schließlich etablierte Anbieter im Laufe der Zeit verdrängt, zwang bisher etliche Branchen zum Umdenken. Für Archive stellt dieses Phänomen jedoch keine Bedrohung dar, sondern im Gegenteil, eine große Chance! Mit Frank Tentlers Vortrag fiel nicht zum ersten Mal der Begriff der „Macht von unten“.

So lautete Florian Hoffmanns Resümee im Tagungsbericht: „Im Übrigen wurde deutlich, dass soziale Medien auf die Gesamtheit der Archive bezogen nur von einer Minderheit genutzt werde. Ganz überwiegend handelt es sich noch immer um eine Bewegung von unten, die vor allem von kleineren und mittleren Archiven als Chance begriffen wird, mit vergleichsweise geringem Aufwand Öffentlichkeitsarbeit, Kontaktpflege mit den Nutzern und Bestandsvermittlung zu betreiben, während sich die staatstragenden Institutionen (Archivschule, Bundesarchiv) eher zurückhaltend geben.“

Ist nach dem „BibCamp“ und dem #histocamp die Zeit womöglich reif für ein „ArchiCamp“, bei dem sich Homo sapiens archivarius und Homo sapiens digitalis die Hände reichen?


#archive20