Offene Archive 2.1 – von Gaming Area bis Online-Andacht, und der Frage was ein offenes Archiv letztendlich ausmacht

Am 3. und 4. April 2014 fand im Hauptstaatsarchiv Stuttgart die Tagung „Offene Archive 2.1 – Social Media im deutschen Sprachraum und im internationalen Kontext“ statt. Rund 120 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren gekommen, um sich Vorträge aus insgesamt sieben Ländern anzuhören. ReferentInnenbiografien und Abstracts zu den Vorträgen wurden vorab auf Archive 2.0 – Social Media im deutschsprachigen Raum eingestellt. Netbooks, Tablets, Smartphones sowie „analoge“ Notizblöcke waren vielfach vertreten: Ein Live-Stream zur Tagung und der Einsatz einer Twitterwall (Hashtag #archive20) ließen aus Sicht des „Mitmach-Webs“ keine Wünsche offen. Partizipation, also Teilhabe, war das große Stichwort. Doch wieviel fachlicher Austausch konnte in diesem Rahmen tatsächlich stattfinden?

Kate Theimer (Keynote), erste Referentin der Tagung, war zwar nur per Telefon zugeschaltet, aber durch ihre für angelsächsische Archivarinnen und Archivare typische offene Sichtweise auf ihre Arbeit, umso präsenter. Archive müssen weg von Dokumenten als Zentrum archivischer Arbeit. „Put people into the centre of our mission“, so Theimers Botschaft, die sie mit Beispielen archivischer Öffentlichkeitsarbeit in den USA untermalte. So genannte Sleep overs, also Übernachtungen im Archiv, sind in Deutschland sicher (noch) schwer vorstellbar. Dennoch sollte es auch in hiesigen Archiven darum gehen, die Schnittstelle zur Lebensrealität der Kunden zu finden, wie aus den anschließenden Beiträgen der Gaming-Referenten Marcus Bösch und Christoph Deeg hervorging.

So präsentierte Politikwissenschaftler und Spieleentwickler Marcus Bösch das Online-Spiel „CC Play. Das 20. Jahrhundert zum Puzzeln.“ Bei den Puzzleteilen handelt es sich um lizenzfreie Fotos aus den Beständen des Bundesarchivs (aus Kooperation mit Wikimedia). Christoph Deeg, seines Zeichens Social Media Berater, möchte Archive zwar nicht „cooler machen“, sprach aber gleichzeitig von einem „gamified archive“. Ähnlich wie viele Bibliotheken sollten auch Archive künftig auf den „Spieltrieb“ der NutzerInnen setzen und Gaming-Konsolen im Lesesaal aufstellen. „Wenn es auf dem nächsten deutschen Archivtag keine Gaming Area gibt, gehen Sie einfach nicht hin!“ Diese Aussage Deegs, wenngleich überspitzt, macht eines ganz deutlich: Deutsche Archive sollten nicht nur nutzerfreundlich, sondern nutzerorientiert handeln. Kein höfliches Tolerieren, sondern aktives Involvieren der NutzerInnen unter Berücksichtigung ihrer Motivation und Interessen. Um es kurz zu machen: Archive sollten „mehr in der Breite arbeiten“, um nicht als „boring, forbidden and dusty“ angesehen zu werden, wie bereits durch den Vortrag von Kate Theimer deutlich wurde.

Schließlich hat eine weitere Institution, der das Image des „Langweiligen und Uncoolen“ anhaftet, den Sprung ins Web 2.0 bereits geschafft, wie der evangelische Pfarrer Alexander Ebel zu berichten wusste. Mit großem Missionierungseifer und unter Einsatz von „Online-Andachten“, „Jesus-Schnitzeljagden auf Facebook“ und „Twompleten“ (= Twitter + Abendgebet/Komplet) erreichen manche Kirchen heutzutage ihre Gemeinden.

Insgesamt wurden die „archivfremden“ Beiträge als sehr bereichernd angesehen, wie aus einem häufig weitergeleiteten Tagungstweet hervorging.

Dr. Bastian Gillner vom Landesarchiv Nordrhein-Westfalen war es letztendlich, der die Anwesenden der Tagung ins Hier und Jetzt, also die Realität des deutschen Archivwesens zurückholte: „Behördenbetreuung funktioniert wie vor fünfzig Jahren; ebenso viele andere Abläufe im Archiv“. Daneben hätten Archive die digitale Entwicklung der vergangenen zehn Jahre nicht berücksichtigt und sollten virtuell nicht nur anwesend sein, sondern auch präsent. Schließlich bestehe die Gefahr, dass Archive den althergebrachten Strukturen nur ein „digitales Mäntlein“ umhängen.

Ganz in diesem Sinne gab es zum Ende des ersten Tagungstages mehrere Fragen, die gute Ausgangspunkte für eine offene Diskussion gebildet hätten. Allen voran: Was bedeutet Archive 2.1? Ist es die von Karsten Kühnel (Universitätsarchiv Bayreuth) vertretene These, „dass ein wesentliches Merkmal von Archive 2.1 die Einbindung der Nutzer in das archivarische Kerngeschäft sei“?

Zudem wurde durch Tweets und Statements der TagungsteilnehmerInnen deutlich, dass Social-Media-Präsenzen nicht zwangsläufig am Unwillen der Archive selbst scheitern, sondern häufig an deren übergeordneten Behörden. So heißt es in einem Tweet des Digitalen Archivs Köln: „Selbst mit Richtlinien – wie spontan kann ein Archiv sein, wenn es öffentlich nur über die Pressestelle agieren darf?“

Sollten künftig nicht auch übergeordnete Verwaltungen zu Tagungen wie diesen eingeladen werden? Letzten Endes sprechen wir sonst nur mit uns selbst, wie bereits Christoph Deeg in seinem Vortrag bemerkte.

Das Gemeinschaftsblog Archive 2.0 existiert seit 2012 und wurde seitdem mit knapp 200 Beiträgen begeistert von der deutschen Archivcommunity aufgenommen. Kommentare zu Artikeln werden jedoch nur vereinzelt geschrieben und in der Regel nur von „Wortführern“ der deutschen Archiv 2.0-Welt. Ähnlich verhält es sich mit der geschlossenen Facebook-Gruppe „Archivfragen“, wie Karsten Kühnel kritisch anmerkt. Warum gibt es so wenige Kommentare? „Haben deutsche ArchivarInnen Angst davor, man könne wissen, dass sie eine eigene Meinung haben?“, hieß es scherzhaft in einer weiteren Twittermeldung.

Leider war es der Organisationsform der Tagung geschuldet, dass diesen Fragen nicht weiter nachgegangen werden konnte, beispielsweise in Form von Workshops oder Podiumsdiskussionen.

Der 4. April stand ganz im Zeichen erfolgreicher Social-Media-Strategien in europäischen Archiven mit dem besonderen Schwerpunkt Crowdsourcing.

Neil Bates, Marketingspezialist bei „Europeana“, erklärte, wie wichtig die Bereitstellung von Bildern auf Social-Media-Plattformen ist: „Pinterest and their cultural window shoppers help increase the findability of your collections in google.“ Er betonte zudem, dass bei jeglichen Web 2.0-Aktivitäten nicht der Traffic, sondern die Reichweite entscheidend ist: „The real value is not just how many times collections have been viewed, but how and where they have been re-used“.

Es folgten Beiträge zu erfolgreichem Crowdsourcing in Dänemark (Nanna Floor Clausen, The Danish Demographic Database) und der Schweiz (Nicole Graf, „Swissair“-Projekt der ETH Zürich). Beim Crowdsourcing handelt es sich im archivischen Kontext um das „Auslagern“ von Kernaufgaben (in der Regel Transkription und Erschließung) auf motivierte Freiwillige außerhalb des Archivs. Weder das dänische Datenarchiv noch das ETH-„Swissair“-Projekt hätten ohne die Hilfe engagierter Ehrenamtlicher quantitativ derartig umfangreiche Verzeichnungsarbeiten abschließen können. Nicole Graf merkte außerdem an, dass ohne die Expertise der „Swissair“-Pensionäre eine aussagekräftige Erschließung des dortigen Fotobestandes ausgeschlossen gewesen wäre.

Bisher werden derartige Kooperationen zwischen Archiven und Freiwilligen in der Fachwelt weitestgehend belächelt, wie Dr. Thekla Kluttig kritisch bemerkte. Diese Form der Zusammenarbeit bietet jedoch eine sehr Ressourcen schonende Chance für Archive, wie ein Beispiel aus Deutschland zeigte.

So arbeitet das Landesarchiv Baden-Württemberg im Rahmen des Pilotprojektes „Kriegsgräberstätten“ mit dem Verein für Computergenealogie zusammen, der hierfür die technische Infrastruktur zur Verfügung stellt und betreut. Auch aus Sicht der Lehre birgt insbesondere das Crowdsourcing im Netz ein beachtliches Potential. Mittlerweile stellen immer mehr Archive ihre unerschlossenen Quellen für die Bearbeitung ins Internet. Angehende Archivarinnen und Archivare haben somit die Möglichkeit, Quellen zu erschließen, zu transkribieren oder sich kritisch mit Editionsrichtlinien auseinander zu setzen. Ein kritischer Diskurs im Zusammenhang mit Crowdsourcing ist ohnehin unumgänglich. Hierbei sollten unter anderem folgende Fragen berücksichtigt werden:

Wie erfolgt die Qualitätssicherung der (Erschließungs-)ergebnisse? Wer darf Quellen überhaupt bearbeiten? – Eine offene oder eine geschlossene „Crowd“? Welche Nachnutzungsrechte haben freiwillige VerzeichnerInnen?

Ulrich Nieß, der derzeit mit einer Arbeitsgruppe der Bundeskonferenz der Kommunalarchive (BKK) eine Web 2.0-Empfehlung für Kommunalarchive erarbeitet, machte zudem darauf aufmerksam, dass Crowdsourcing kein Social-Media-Phänomen ist, sondern bereits weit vor dem digitalen Zeitalter begonnen hat. Nanna Floor Clausen beschrieb in diesem Zusammenhang sehr anschaulich, wie das dänische Datenarchiv noch vor gar nicht allzu langer Zeit Transkriptionen ihrer ehrenamtlichen „Erschließungskönige“ auf Diskette erhielt. Archive sollten ihre potentielle „Crowd“, die in den meisten Fällen älter als fünfzig ist, daher stets auf analogem Wege ansprechen – also vor Ort im Archiv – ehe sie den zweiten Schritt ins Web 2.0 gehen.

Karsten Kühnel beschrieb am Ende in seinem sehr komplexen und kontrovers diskutierten Beitrag „Partizipation durch Standardisierung? Erschließung vor dem Hintergrund fortgeschrittener Nutzeremanzipation“ die Idee einer funktionalen Provenienz, also der künftigen Erschließung nach Provenienz und Funktion unter starker Einbeziehung der NutzerInnen.

Abschließend blieb nach zwei Tagen und 25 Vorträgen zwar wenig Raum für Diskussion, dennoch entwickelte sich zuletzt eine Kontroverse um die Grundsatzfrage: Wer war zuerst da? Das Archiv oder die BenutzerInnen? Sollten Social-Media-Strategien ausgehend von den Zielen eines Archivs formuliert und entwickelt werden? Oder sollten Archive ihre Arbeit grundsätzlich aus den Augen der NutzerInnen betrachten und daher neue Werkzeuge wie das Web 2.0 sofort testen, um zu schauen ob und wie sie funktionieren?

Ganz in diesem Sinne soll auf der nächsten Tagung (Archive 2.2?), die übrigens schon 2015 stattfinden wird, Evaluation ein zentrales Thema sein – oder um es mit den Worten von Neil Bates zu sagen: „What are the indicators for your success in social media?“

 Julia Sammler

5 Gedanken zu „Offene Archive 2.1 – von Gaming Area bis Online-Andacht, und der Frage was ein offenes Archiv letztendlich ausmacht

  1. Antje Diener

    Sehr schöner und detailreicher Bericht. Das mit 2015 ist noch in der Diskussion. Wir werden uns dann an der Vorbereitung beteiligen.

    Antworten
    1. Julia Sammler

      Liebe Frau Diener,
      vielen Dank! Es wäre wirklich toll wenn die Tagung bereits im nächsten Jahr stattfinden könnte (v.a. angesichts der schnellen technologischen Entwicklung etc.). Ich bin ja gespannt wo die Offenen Archive dann tagen werden :-).
      Viele Grüße nach Westfalen!

      Antworten
  2. Pingback: HOMO SAPIENS DIGITALIS VS. HOMO SAPIENS ARCHIVARIS? | FERNWEITERBILDUNG

  3. Pingback: Konferenzbericht! Offene Archive 2.1 – von Gaming Area bis Online-Andacht, und der Frage was ein offenes Archiv letztendlich ausmacht | FERNWEITERBILDUNG | Archive 2.0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.